Society-Mitglied Justine Hazlehurst ist eine Expertin für die Whisky-Geschichte von Leith. Nun hat sie sich der berüchtigten Geschichte der ortsansässigen Brüder Pattison zugewandt, die zum Inbegriff des Zusammenbruchs des Whiskymarkts an der Wende zum 20. Jahrhundert geworden sind. In ihrem neuen Buch sagt sie: Es ist Zeit, ihre Rolle neu zu bewerten …
Das Zuhause der Scotch Malt Whisky Society liegt in Leith, einem Stadtteil mit reicher Whisky-Geschichte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt der Hafen von Leith – ähnlich wie sein Pendant im Westen, Campbeltown – für viele als unangefochtene «Whiskyopolis». Anders als in der «Wee Toon» mit ihren zahlreichen Destillerien konzentrierte sich Leiths Whisky-Handel jedoch in erster Linie auf die drei B: Bonding (Zollverwahrung), Brokering (Vermittlung) und Blending (Verschnitt).
Als Bewohnerin von Leith war ich schon immer fasziniert von der Zahl der alten Bonded Warehouses, die im und um den Hafen verteilt sind – in der Blütezeit der 1890er-Jahre waren es zwischen 90 und 100, alle bestückt mit zahllosen Fässern Scotch Whisky. Als ich 2017 beschloss, mehr über so viele davon wie möglich herauszufinden, führten mich meine Recherchen schliesslich dazu, den Leith Whisky Trail ins Leben zu rufen. Das wiederum öffnete die Tür zu einem Interesse für eine der grössten in Leith ansässigen Whisky-Firmen: Pattisons Ltd – ein Interesse, das sich später zu einer regelrechten Obsession entwickelte!

Eine geplatzte Blase
In Kürze – ohne zu viel zu verraten: Zwei Brüder, Robert und Walter Pattison, übernahmen die Leitung des väterlichen Geschäfts Pattison, Elder & Company. Als sie sich 1896 entschieden, das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, entstand Pattisons Ltd.
Die 1890er-Jahre erwiesen sich als Boomzeit für Scotch Whisky, und an der Oberfläche schien Pattisons Ltd eine der erfolgreichsten Scotch-Whisky-Firmen ihrer Zeit zu sein. Doch als das Unternehmen Ende 1898 zusammenbrach, war klar: Die Blase war geplatzt.
Die ehrgeizigen und kühnen Schachzüge der Brüder lösten nicht nur den Kollaps ihrer eigenen Firma aus, sondern hatten auch einen Dominoeffekt in der Branche zur Folge – in Leith und weit darüber hinaus –, in dessen Folge viele weitere Scotch-Whisky-Firmen aufgaben. Die Ermittlungen rund um den Zusammenbruch von Pattisons Ltd förderten zudem einige ungewöhnliche Geschäftspraktiken zutage und entzündeten so die Lunte zu einem der grössten Skandale in der Geschichte des Scotch Whisky.
Gerade als der Leith Whisky Trail wirklich Fahrt aufnahm – und sich bei Whisky-Geschichtsinteressierten als Erfolg erwies –, schlug die Pandemie zu. Da die diversen Lockdowns Touren auf absehbare Zeit verunmöglichten und auch viele andere meiner Tätigkeitsfelder betroffen waren, beschloss ich, die Zeit so klug wie möglich zu nutzen und tiefer in das Leben der Pattisons einzutauchen.
Bei der Lektüre verschiedener Standardwerke zum Scotch Whisky sowie zeitgenössischer Zeitungsartikel wurde eines glasklar: Die Erzählung, wie sie damals in der Presse erschien, war den Brüdern gegenüber nicht nur in gewisser Weise voreingenommen, sondern wurde auch über Jahrzehnte hinweg in nachfolgenden Publikationen unhinterfragt wiederholt und verstärkt. Der Name Pattison, so schien es, musste lediglich als Sündenbock herhalten für das, was letztlich das unausweichliche Ende des goldenen Zeitalters des Scotch Whisky war.
Ich wollte über den blossen Namen hinausgehen und die wahre Geschichte hinter den Pattisons ans Licht bringen. Der erste Schritt auf dieses Ziel hin – der sich nebenbei eher als grosser Sprung entpuppen sollte – bestand darin, den gesamten Stammbaum der Familie Pattison nachzuzeichnen. Und genau hier konnte ich nach vielen, vielen Stunden Recherche endlich Kontakt zum einzigen lebenden Verwandten der Brüder aufnehmen: zu David, dem Urenkel von Walter Pattison.
Hier kam mir das Glück zu Hilfe. So sehr ich es seither auch genossen habe, Stunden um Stunden in verschiedenen Archivabteilungen zu verbringen – mit Prozessakten, Testamenten und Destilleriegrundrissen unter vielen anderen Dokumenten –, kam doch nichts an die Freude heran, die Fotoalben und persönlichen Habseligkeiten der Familie Pattison zu erkunden, zu denen mir David grosszügig Zugang gewährte. Das verschaffte mir nicht nur einen Einblick in die Pattisons, den ich anders niemals hätte gewinnen können, sondern unterstrich auch, dass sie mehr waren als nur zwei Brüder an der Spitze einer gescheiterten Scotch-Whisky-Firma. Die Pattisons waren tatsächlich eine grosse Familie, in der jedes Mitglied seine eigene wunderbare Geschichte zu erzählen hatte. Schon bevor ich mit dem Schreiben begann, war mir klar: Opening the Case: The Affairs of Pattisons’ Whisky würde letztlich genau das werden – eine Geschichte. Mit meinem Erzählbogen vor Augen machte ich mich daran, diese Erzählstränge zu einem in sich geschlossenen Ganzen zu verweben, vor der Kulisse von Leith und über die zwölf entscheidenden Jahre von 1890 bis 1902 hinweg.

Eine warnende Geschichte
Das war alles andere als eine leichte Aufgabe. Sowohl die geschäftlichen wie die familiären Beziehungen der Pattisons bildeten ein riesiges, vielschichtiges Geflecht. Hinzu kommt, dass die Geschäfte der Scotch-Whisky-Broker und -Händler dieser Zeit so verwoben waren, dass es zur echten Herausforderung wurde, die Fäden zu entwirren und sauber auseinanderzuhalten.
Der Scotch-Whisky-Handel jener Zeit litt unter einer Reihe systemischer Schwächen – eine davon war die Überproduktion von Destillat. Während des Booms der 1890er-Jahre begannen viele renommierte Scotch-Whisky-Händler, Destillerien zu bauen oder zu erweitern, um den Nachschub für ihre Blends zu sichern – die Pattisons selbst hatten Beteiligungen an den
Destillerien Glenfarclas, Oban, Aultmore und Ardgowan. Diese Zunahme an Destillerien sorgte lediglich dafür, dass mehr Whisky produziert wurde, als der Markt überhaupt aufnehmen konnte.
Vor diesem Hintergrund hätte der Zusammenbruch von Pattisons Ltd eigentlich als warnendes Beispiel für die Zukunft dienen müssen und deutlich machen, dass solche Praktiken schlicht nicht nachhaltig waren. Doch angesichts des «Whisky Loch» der 1980er-Jahre – das zur unausweichlichen Schliessung etlicher Destillerien führte – wissen wir: Aus den Lehren der Vergangenheit wird nicht immer eine Konsequenz gezogen.
Wirft man heute einen Blick auf die Scotch-Whisky-Landschaft, finden sich 151 Destillerien in aktiver Produktion (Quelle: Scotch Whisky Association, Stand Mai 2024). Hinzu kommen zahlreiche neue Destillerien – einige bereits im Bau, andere kurz vor dem Spatenstich. Angesichts dieses Wachstums lässt sich durchaus fragen, ob die Geschichte des Scotch Whisky kurz davorsteht, sich zu wiederholen.

Justine Hazlehurst ist Gründerin der Verkostungs- und Eventfirma Kask Whisky und Co- Direktorin des jährlichen Fife Whisky Festival. Nach nicht weniger als vier Jahren Recherche ist ihr erstes Buch Opening the Case: The Affairs of Pattisons’ Whisky (ISBN 978-1-0369-0331-2) auf www.kaskwhisky.com erhältlich.