OBE, oder «Old Bottle Effect», damit ihn niemand mit dem «Most Excellent Order of the British Empire» verwechselt, ist ein wenig rätselhaft. Er existiert eindeutig in der Welt des Weines, aber wie verhält es sich beim Whisky? Tom Bruce-Gardyne geht der Sache auf den Grund.
Ist der Charakter eines Whiskys zum Zeitpunkt der Abfüllung vollständig gefestigt und ändert sich nie wieder – oder könnte er sich nach Jahrzehnten in der Flasche weiterentwickeln?
Einige sind davon überzeugt, dass dies möglich ist, andere sind eher skeptisch. Justine Hazelhurst, Mitbegründerin des Fife Whisky Festivals und Leiterin zahlreicher Whisky-Touren in Edinburgh und Fife, gehört zur ersten Gruppe. Ihre Touren beinhalten oft eine «Damals und heute»-Verkostung, bei der beispielsweise eine Flasche heutiger Teacher’s Highland Cream mit einer aus den 1960er Jahren verglichen wird, die bei einer Auktion erworben wurde.
Abgesehen von Änderungen der Rezeptur, die im Laufe der Zeit möglicherweise vorgenommen wurden, ist sie der Meinung, dass in diesen älteren Flaschen tatsächlich etwas passiert, zumindest manchmal. Obwohl sie fröhlich zugibt, dass ihre Gefühle nicht wissenschaftlich fundiert sind, sagt sie: «Es ist ein bisschen wie mit Gott, nehme ich an. Man mag glauben, aber die Existenz lässt sich nicht beweisen.»
Wie vergleichen?
Wen könnte man besser zum Thema OBE befragen als Whisky-Autor Charlie MacLean MBE, der mehr seltene Flaschen degustiert hat als die meisten von uns zusammen. «Viele Kenner glauben an OBE, aber es ist unmöglich diesen Effekt zu beweisen, da wir nicht wissen, wie das Aromaprofil des Whiskys zum Zeitpunkt der Abfüllung war – 1:1-Vergleiche sind somit gar nicht möglich», sagt er. «Es besteht kein Zweifel, dass Whiskys aus den 1960er Jahren und früher anders waren, was jedoch hauptsächlich auf die Produktionsänderungen in den 1970er Jahren zurückzuführen ist.»
«Wenn es denn hilft», fügt er hinzu, «hat mir Robert Hicks [ehemaliger Master Blender von Ballantine’s] einmal gesagt, dass sie eine Regel hatten, wonach alle Flaschen Ballantine’s, die fünf Jahre lang unverkauft blieben, zur Entleerung und Wiederabfüllung an ihre Zentrale in Dumbarton/Alexandria zurückgeschickt werden mussten, was darauf hindeutet, dass sie glaubten, die Flüssigkeit würde sich verändern. Allerdings war dies nie getan worden – kein Distributor, der etwas taugt, hätte fünf Jahre lang unverkauften Ballantine’s gehabt.»

Flüchtige Stoffe und Lebendigkeit
Dr. Andy Forrester, der Spirituosen-Ausbilder der Society, stellt in Frage, ob diese Regel bei Ballantine’s mehr mit Veränderungen der Verpackung als mit dem eigentlichen Whisky zu tun hatte. Als selbsternannter Skeptiker des OBE gibt er eine grundlegende Einführung in die Oxidation bei Whisky. «Ethanol wird zu Säure und dann schliesslich zu Estern, die fruchtige, blumige Verbindungen sein können. Das ist, sehr vereinfacht, der oxidative Weg bei reifendem schottischem Whisky», sagt er. Das passiert eindeutig im Fass, aber die Frage ist, inwieweit es in der Flasche, bei der Wechselwirkung zwischen der Flüssigkeit und dem kleinen Luftraum unter dem Verschluss, geschieht. Man kann die Wechselwirkung verstärken, indem man einfach die Hälfte des Whiskys trinkt. Da die meisten Aromastoffe bis zu einem gewissen Grad flüchtig sind, würden einige schliesslich an den Luftraum verloren gehen.»
«Es ist dasselbe bei einem undichten Verschluss», sagt Andy. «Der Verlust flüchtiger Stoffe würde die Abflachung und Abschwächung der Lebendigkeit des Whiskys erklären.» Aber wenn man eine ungeöffnete Flasche nimmt, die sicher verschlossen ist, ist die Luftmenge winzig, und wenn ein Austausch tatsächlich stattfindet, würde es lange dauern, bis ein Effekt sich zeigt.

2011 senkte Richard Paterson, damals Master Blender bei Whyte & Mackay, seine berühmte Nase in ein Glas Mackinlay’s Rare Old Highland Malt aus einer Flasche, die der Forscher Sir Ernest Shackleton ein Jahrhundert zuvor in der Antarktis zurückgelassen hatte.
«Das Einzige, was den Whisky beeinflusst hatte, war ein wenig Korkenbruch, aber abgesehen davon war er in tadellosem Zustand», sagt er. Also kein Beweis für OBE bei dieser Gelegenheit, aber die Flaschen waren ordentlich verkorkt, in Stroh eingewickelt und vor allem tief im Eis vergraben. Dieser Permafrost hätte alle chemischen Reaktionen in der Flasche verlangsamt. Hätte Shackleton auch den Kongo erforscht und etwas Mackinlay’s in der schwülen Hitze des Dschungels zurückgelassen, könnte man eine faszinierende Vergleichsverkostung machen. Leider tat er das nicht.
Umwelteinfluss
Es gibt Weine, die für lange Reifung gemacht sind und Jahre brauchen, um diese erdigen Waldbodenromas in gereiften Burgundern oder Petroleumaromas in gereiften Rieslingen zu entwickeln, deren Fans daraufhin als «Petrolheads» bezeichnet wurden. Diese Weine erreichen einen Höhepunkt, verfallen dann und sterben, während Whisky angeblich ewig durchhält, dank seines weit über dreifachen Alkoholgehaltes. Sogar Madeira mit 17-22% Vol. scheint fast unzerstörbar im Vergleich zu einem unverstärkten Wein.
Dennoch ist Whisky nicht immun gegen die Auswirkungen seiner Umgebung. Schottischer Whisky, der jahrzehntelang auf dem Dachboden gelagert wird und sich mit den Jahreszeiten erwärmt und abkühlt, wird schneller altern, und einige Flaschen könnten ihre luftdichte Versiegelung verlieren, wodurch diese flüchtigen Aromen entweichen können. Direktes Licht kann einen Whisky blasser machen, obwohl «natürliche Farbe im Sonnenlicht nicht verblasst, im Gegensatz zu Karamellfarbe», sagt Dr. Andy. «Und Regalbeleuchtung bei einer halbgeöffneten Flasche in einer Bar nimmt viel Körper und Charakter heraus», fügt Richard Paterson hinzu. «Bei alten Flaschen, die viele Jahre aufbewahrt wurden, kann man eine Stumpfheit oder einen Schockzustand von all der Zeit in der Flasche bekommen», fährt er fort. «Man muss sie also herumschwenken und atmen lassen.»
Justine Hazelhurst hat einen ähnlichen Effekt bei ihren alten Flaschen bemerkt, die beim ersten Öffnen unspektakulär sein können. «Aber degustiere ich drei oder vier Wochen später dieselbe Flasche, dann hat sich etwas verändert, als wäre der Whisky darin aufgewacht», sagt sie. «Aber dann könnte es auch subjektiv sein, weil ich vielleicht in einer anderen Stimmung bin.»
Ein alter Blend, den sie öffnete, stach leider negativ hervor. «Es war eine Flasche Mackinlay’s Legacy mit einem Aroma von verflüssigten Pilzen mit einem Hauch von Balsamico», erinnert sie sich. «Es war untrinkbar!»
Sie fragt sich, ob die Flasche irgendwo warm gelagert wurde, aber Dr. Andy vermutet unlautere Machenschaften. Gefälschter Whisky geht durch die Auktionshäuser, wie die Flasche, die behauptete, Laphroaig 1902 zu sein, die er einmal probierte. «Ich roch daran und es roch nach verfaulten Abflüssen», erinnert er sich.
Wenn Sie jemals etwas so Schlimmes aus einem Dram riechen, der aus einer alten Flasche eingeschenkt wurde, die Sie gekauft oder geschenkt bekommen haben, ist eines sicher – wir sprechen nicht von OBE.